Bettie I. Alfred

September 17, 2020

Dies ist die Webseite von der Autorin und Hörspielmacherin Bettie I. Alfred. In der Seitenleiste finden Sie Informationen über ihr Schaffen. Unten können sie einen sogenannten Blog lesen, den Frau Alfred neben ihrer momentanen Haupttätigkeit als Hörspielmacherin mehr oder weniger regelmässig schreibt. Hier geht es meist um ihren aberwitzigen Alltag, den sie als lesende und schreibende Künstlerin mit einem tiefgreifenden Humor und einem analytischen Blick für das (Ur-) Menschliche, darzustellen versucht. Frau Alfred ist es ein Anliegen die tristen Seiten des Lebens anzuerkennen und sie mit den durchaus ja auch ab und an erstaunlich schönen zu verbinden. Die Sprachlosigkeit zwischen den Zeilen interessiert sie mehr, als alle Tatsächlichkeiten zusammen, vor denen es sich nach Alfreds Meinung meistens zu hüten gilt. Denn nichts ist in der Kunst ja sinnfreier, als die pure Darstellung eines Realitätenkabinetts.

„Sie lebte in Frieden mit ihrem Unglück!“ aus Versuch über Katzen, Wolfgang Hilbig

Die Realität verzaubern, indem man sie entzaubert, oder umgekehrt, das führt manchmal zu literarischen Kunstwerken! B.I.Alfred

Die Übertreibungen und Verzerrungen in Frau Alfreds Prosa und auch in ihrer Lyrik sind wunderschön, immer anregend und in gewisser Weise angenehm belastend.Alfred Katz, Prosaanalytiker

Alle Zeiger still

Mai 20, 2022

Der Erstling, des Dichters, dem ich begegnet war, ist umwerfend. Eine Sprache die mich bewegt. Als er ihn schrieb, war ich gerade mal Minus ein Jahr alt. Das ist faszinierend und doch gemein, denn er ist nun am Ende des Lebens angelangt und ich aber noch nicht und somit gibt es eine Art Engpass, was die Zeit, die bleibt, betrifft, in der miteinander gesprochen werden kann. Ich hoffe, daß er weiterhin schreibt, denn wer schreibt, der lebt. Apropos leben, meine Armbanduhr tickt wieder. Sie lag Jahrzehnte wie eine alte Geige, die keiner spielen kann, im Schrank. Die Batterie leergepumpt und alle Zeiger still. Dann kaufte ich 50 eingeschweisste Mikrozellen, viel zu viele, doch eine sollte passen und der Preis lohnte dann doch. Nun tickt sie wieder und unterm Armband schwitze ich und muss sie andauernd abschnallen und lüften. Ich wandere dann auf und ab. Da ich nur ein sehr kleines Autorenbewusstsein mit mir herumschleppen muss, bin ich leicht für eine Tätigkeit jenseits des Schreibens zu begeistern. Auch Kisten in eine hochgelegene Wohnung bei Hitze schleppen, kann mir Spaß bereiten. Wenn die Anzahl dieser stimmt.

© Bettie I. Alfred, 20.5.22


Der Schriftsteller

Mai 16, 2022

In einer Kirche, obwohl keinerlei religiös anmutende Tendenzen vorhanden, einem Mozart Requiem gelauscht und viel dazu gedacht. Die Stimme ist doch ein gewaltiges Instrument, das in einem Chor wahrlich die Seele zu bewegen schafft. Unter den Zuhörenden sogar junge Skateboarder offensichtlich mit ihren Eltern, zumindest assoziierte ich ihre Kleidung in diese Richtung. Ein schöner Gegensatz und doch heutzutage so gar keiner mehr, man ist offen für vieles, viel mehr wohl als damals, als ich ein Teenie war und mich trotz einer garantierten emotionalen Bewegung, niemals freiwillig in eine solche Situation begeben hätte. Eltern und ich, in Stille und Haltung fordernden Veranstaltungen: ein Thema für sich. Danach noch immer ergriffen von all dem Sanktus, in einem wunderschönen Park, eine Art Absacker mit der Bratschistin. Wir, sitzend und über alles redend, plötzlich von einem Fuchskind überrascht, mussten kurz Pause machen und staunen, denn es war dann ganz nah. Kaum war es dann wieder verschwunden, stand nun er vor uns, der kleine wild frisierte alte Mann. Wies uns auf die Nachtigall hin, die „so so“ schön sänge. Doch es war eine Amsel, was ihm jedoch nicht das Wichtigste war. Die Klänge, so er, seien äußerst interessant. Ich verwies ihn auf Messians Vogelkompositionen, doch dies wohl schon zu viel an Hinweis. Dann sein scheuer, doch vehementer Hinweis, darauf, dass er ein Schriftsteller sei und, darauf, dass er ein so dickes Buch (und die Finger zeigten etwa 10 cm Höhe) geschrieben habe. Wie es heisse, fragte ich vorlaut und „das spielt keine Rolle!“ war seine direkte Antwort. Das spielt keine Rolle, entgegnete ich, sei ein toller Titel. Doch er lachte nicht, schien eher verwirrt und nicht sicher, ob er sich uns weiter offenbaren solle. „Sie ist auch Schriftstellerin“, sagte dann die Begleitung und wie aus der Pistole geschossen, kam eine Art Einladung, bezüglich darauf, daß wir ihn doch einmal besuchen könnten. Jedoch nicht morgen und auch nicht übermorgen, so er, jedoch in einer Woche vielleicht. Hier sprach ein Feingeist mit zerrüttetem Gemüt und noch lange dachte ich darüber nach, ob ich ihn tatsächlich einmal besuchen sollte. Nach seiner Verabschiedung, er hatte sich im Laufe des Sprechens immer mehr von uns abgewendet, stürzte er förmlich die Parkstufen hinauf und fiel wohl ins Efeu, jedenfalls hatte es für mich so geklungen, ich konnte es nicht so genau sehen, inzwischen war es nämlich dunkel geworden. Das Alter in Kombination mit wirren Frisuren, scheint eine Sache zu sein, die nicht selten auftritt. Ich werde zu gegebener Zeit immer eine Mütze mit mir führen, für den Fall, dass ich jemanden treffen täte, den ich gerne zu einem Besuche auffordern würde. Wobei des Dichters Haare ganz wunderbar aufregend in den Himmel ragten.

Bettie I. Alfred, 16. MAi 2022

Das Licht

Mai 14, 2022

Der Idiot der Familie 1-5

Mai 12, 2022

Das Handy ist eine irrsinnige Erfindung. Das immerzu Erreichbarsein macht das Leben nicht unbedingt einfacher. Natürlich erfahre ich schnell und zuverlässig, ob jemand beim Besteigen des Berges in die Lava fiel oder sich den Knöchel verstaute. Doch was nützt es dies zu wissen, wenn ich nicht helfen kann, weil ich in einem anderen Land auf einem Schreibstuhl sitze und sinniere. In einem sogenannten Schenkebuchladen nehme ich Sartres „Der Idiot der Familie 5“ mit. Der Philosoph befasst sich darin (der Band umfasst allein schon 700 Seiten) über insgesamt 3000 Seiten mit Flauberts Wahnsinn. Ich erfahre viel Neues über beide, Flaubert und Sartre. Lerne das Wort Rückbildungsinfantilismus und dass Flaubert epileptiforme Krisen schüttelten. Zudem lebte er in einer Art Dauerzerstreuung und interessierte sich nicht für Aktualitäten. Als ihn seine Leser als Realisten bezeichneten, schrie er angeblich wütend auf. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Sartre wurmt förmlich das Thema des Irrsinns, der zum Schreiben führt. Er findet das „Krankheitswerk“, das bei F. angeblich auf einer erlebten Neurose basierte, sei keine Kunst, sondern lediglich peinlich. Ich bin entsetzt über Sartres Engstirnigkeit. Die Aussage, dass ein „Irrer“ kein Künstler sein kann, ist doch mehr als wüst. Ein Wahnsinniger sei unkonstruktiv, so er. Dabei vergisst er wohl, das auch „Normale“ „wahnsinnig“ unkonstruktive Literatur (was immer das genau sein soll) hervorbringen. Natürlich gibt es Künste die auch mich in ihrer Irrheit erschrecken und die ich als destruktiv erlebe, aber deshalb jemandem das Künstlersein absprechen? Wer Kunst in irre und nichtirre einteilt ist wohl seinem eigenen Problem der Intoleranz aufgesessen. Jeder, der sich mit Abgründen, und besonders mit den eigenen, befasst, und das muss Sartre jawohl bemerkt und getan haben, weiss wie viel Kraft das Nicht- oder Wenigverständliche in der Kunst haben kann. Oft haben die Grenzgänger, so meine Erfahrung, sogar eine ganz besondere Fähigkeit zur Selbstreflexion. Die Angst davor auffällig zu werden oder als das zu gelten, macht gerade dem „Normalen“ ja oft schwer zu schaffen. Sowieso hat einer der „Prinzhorn“ ablehnt, wohl ein Bild vom Künstler an sich, das für mich nach elitärem „Gewichtel“ klingt. Nicht nur, weil ich selbst oft nicht so genau weiss, ob mich längst ein Wahnsinn überfallen hat, finde ich diese Degradierung von Künstlern, die ihr verkwastes Innenleben als Antrieb offenbaren, wie Flaubert es anscheinend tat, eine mehr als unmenschliche Herangehensweise um einen Dichter einzuordnen. Abgesehen davon, dass ich weitaus mehr Menschen zu kennen meine, die sich selbst für „gesund“ halten und es definitiv nicht sind, als Menschen mit „Meisen“, die sich auf Biegen und Brechen (eine wunderbare Bezeichnung) als „normal“ betitelt sehen müssen, um überhaupt existieren zu können. „Flaubert hatte nichts zu sagen, weil er sich weigerte seine Inspiration aus dem Erlebten, anstatt aus sich selbst zu gewinnen.“ Dieser Ausspruch Sartres klingt so, als erlebe ein Mensch, der lieber „nur“ in sich hinein hört weniger Wer/t/k/volles, als einer der in Eis badet und auf Haien reitet. Nach 30 Seiten von 3000 bin ich schon am Höhepunkt meiner Abwehrhaltung. Mal schauen wie weit ich es noch schaffe im Werk „Der Idiot der Familie 1-5“)

12.5.22, © Bettie I. Alfred