Bergauf

Mai 10, 2022

Mir fehlen heute die Worte. Da ich das „bürgerliche Klavierspiel“ (Musil) nicht beherrsche, kann ich die Sprachlosigkeit über das Leben als (von Natur aus) flachatmende Luftholmachine nicht in eine Tastenkunst verwandeln. Bilder sprechen jedoch für sich, deshalb ein weiterer Mitbewohner fürs Massenarchiv Internet. Ein Film gedreht in der „Aussperrung“.

© Bettie I. Alfred, August 2021

Zwischen den Enten der Schmidt

Mai 7, 2022

Jemand schreibt, dass er ein unpraktischer Sohn gewesen sei, der keine Aufregung vertrug. Ja, denk ich, das kenn ich, denn ich war wohl auch eine äußerst unpraktische Tochter gewesen, bin es vielleicht sogar immer noch und vertrage nur mässig Aufregung. Natürlich hat man mit der Zeit gelernt seinen Haustürschlüssel immer in die selbe Jackentasche zu stecken und nicht jedesmal, nachdem man das Haus verlassen hat, in eine andere. Doch mit dem Haustürschlüssel allein ist es ja nicht getan. Doch lassen wir das. Die S-Bahn zischt leise an meinem Fenster vorbei und ich empfinde dieses Zischen, oder besser gesagt Surren, als eine Art Quietiv. Ich bin ein wenig gerädert vom Reisen in den Süden. Der Hinflug, wo ich dreimal in eine Art Luftkammer gezogen wurde, bleibt mir sicher noch lange als eine Art Erinnerung von Mißempfindungen im Kopf. Das Leben ist und bleibt wie Dürrenmatt es sagte, ein Urbrei an Zeitvergeudung. Auch im Süden gibt es aber natürlich Schönes zu entdecken, besonders die Vielzahl an Enten auf Wiesen werde ich wohl nie vergessen. Beim diese Beobachten, trat plötzlich umringt von Kameras, kein Geringerer als Harald Schmidt um die Ecke und man lief fast in ihn hinein und weil man sich intuitiv freute (auch er ist ja ein grosser Bernhardfreund, wobei er für mein Empfinden seine Lustigkeit nicht recht ins Licht der Verzweiflung rückt, sondern zu sehr als unterhaltendes Element ansieht), dass ein stosshaftes Auflachen meinerseits und auch ein „ach ne!“ vom Ehemann, einfach nicht zu verhindern gewesen war. Schmidts sagenhaft präsentes „High!“ war dann ein Moment der gut und gerne zu mehr hätte führen können, doch war man, also wir, wie immer zu scheu und elegant unaufdringlich drauf. Abends im sterilen aber unkomplizierten Hotel, dann der Gedanke, daß ich einen Kurs in unkreativem Schreiben dort anbieten könnte. Oder selbst dort belegen könnte, wenn es solch einen gäbe. Heutzutage ist Kreativität fast schon eine Pest, alle besitzen sie und wenn nicht, haben sie andere Wege um an die Millionen zu kommen, die sie brauchen, um damit dann „normal“ leben zu können. Geschäftstüchtigkeit und Kreativität, eine Horrormischung!

Eine Menge Mensch

April 28, 2022

Es ist schwierig etwas zu denken, was noch niemand gedacht hat und das dann in Sätze zu packen, die es ebenfalls noch nie gab. Ich versuche es trotzdem, denn es ist doch jeder Mensch ein Individuum und somit eindeutig ein Denker des eigenen Ichs und nicht das einer Menge Mensch. Eine Bekannte zeigt auf das Plakat einer Politikerin und sagt frech in meine Richtung: die sieht aus wie du. Ich stutze. Ich weiss wie sie darauf kommt das zu denken, aber ich bin dann doch beleidigt, denn die Frau dort ist nicht die Frau, die ich mit einer Frau assoziieren kann, die mir ähnlich sieht. Dann steht diese Frau zufällig Jahre später vor meinem Konsumsupermarkt und wirbt für ihre konsumorientierte Ökopartei. Sie reicht mir einen Zettel. Die Frau ist eine andere Gen als ich, eine ältere und hat eine ungeheuer stromlinienförmige Figur. Ich stehe etwas neben ihr und auch neben mir und fühle mich wie ein zwar jüngeres, aber doch dann wie ein Walross. Diese Vergleiche sind das Dümmste was Menschenfrauen anstellen können. Nichts ist so wenig von Belang wie eine Figur. Ausser man will auf einen Laufsteg steigen und Beine zeigen. Diesen Bereich meide ich seit ich denken kann. Überhaupt ist das Leben nur von Sinn, wenn man die Ruhe im Sturm erträgt und somit auch den Zerfall oder die Verdickung der Glieder respektiert. Immer wieder, bei allen Thematiken, ein wichtiges Wort: Respekt. Der Film über den Pferdeflüsterer, der verängstigten Pferden durch pures Sichnebensiestellen Lebensmut zurück gibt, war bewegend. Und alles traf eigentlich auch auf Menschen zu. Könnten der es doch aushalten, dass jemand sprachlos neben ihm steht.


© Bettie I. Alfred, 28.4.22

Melancholisches Abhängen vor Trauerkünsten

April 22, 2022

Nachdem ich heute stundenlang Messingklinken geputzt habe (auch das im üblichen Sinne genannte Klinkenputzen ist damit gemeint), sauge ich auch noch mein Zimmer sauber. Als ich es nach einer kleinen Imbisspause wieder betrete, kommt es mir ganz neu und auch ganz leer vor. Was für ein Effekt! Dann blättere ich in meinem Buch das ich bald vollgeschrieben habe herum. Es ist Notizbuch Numero vierundfünfzig. In den letzten Aufzeichnungen darin geht es um die Verneinung von Dargebotenem und wie man es bewerkstelligen soll es dem Darbieter zu unterbreiten, dass man sein Werk ablehnt. Max Frisch schreibt über genau solch eine unangenehme Situation (er ging in die Ausstellung eines ihm bekannten Malers. Eines, wie er es nennt, Scharlatans). Als er aus der Ausstellung herauskommt, trifft er genau den. Rein zufällig. Dieser will mit ihm dann etwas trinken gehen. Frisch geht drauf ein und sitzt dann jenem Künstler, dessen Werk er verachtet, rauchend gegenüber und spürt deutlich, wie das Verschwiegene (eben seine Abneigung gegen die gerade noch besichtigte Kunst, die er als Thema mit größter Vorsicht beschweigt) trotz der Geheimhaltung immer deutlicher im Raum steht. Eine Situation, die wohl jeder Künstler kennt und hasst. Dieses eventuelle Ansprechen einer Verneinung, ein Tabu und doch immerzu gewünscht von allen, um Missverständnissen aus dem Weg gehen zu können. Manch einer hasst das Skizzenhafte, das Unvollkommene. Der andere liebt es. Ein Fragment ist das Grösste, so der eine, der andere mag das ausgefeilte Bollwerk viel lieber. Ruinen, für mich ein Glücksort der Wehmut, wo Raum entsteht, um wahre Gefühle hervortreten zu lassen. Der andere weint nur in mehrfach gedämmtem Neubau gerne. Der warme Frühlingsausbruch lässt im Übrigen auf sich warten. Immer wieder schaut die dunkle Seele in mir hervor und freut sich aufs melancholisches Abhängen vor Trauerkünsten. Doch kaum winkt ein Temperaturanstieg, sind die Themen des Pflanzencenters wieder omnipräsent.

© Bettie I. Alfred, 22.4.22 (schönes Datum!)