Aufmodellierte Gruben

Juni 15, 2022

Nach Wettersprüngen, egal wohin, nach oben oder nach unten, ist mir der Begriff Flohmarkt des Geistes, den Alexander Kluge erfand, sehr verständlich. Gedankenfetzen schwirren mir im Kopf herum und ich versuche einen zu greifen und ihn auf Papier zu bannen. Er entwischt mir immer wieder. Droht dann auch noch die alltäglich Überrumplung durch den Paket- und Postdienst, ist er, der Gedanke, sowieso fort. Die Großstadt als Standort gibt als Schreibende keinen Sinn. Immerzu versucht man sich von ihr wegzudenken, doch es ist zwecklos, der Strudel des Lebens ergreift einen immer wieder und das Werk bleibt mieslig. Aus Angst vorm Verschwinden bleibt dann oft nur die Aufspielung zu einem Pontifex maximus, was nicht trägt, denn der ist man definitiv nicht, und der Kontrast zum Normalzustand ist dann gross. So gross wie der eines Gesichts, dass man durch geschickte Kosmetik vorteilhaft herrichtet, indem man die Gruben mit viel Kitt aufmodelliert, zu demselben in Natura. Nun brezelt sie wieder, die Sonne und ich erhoffe mir, dass spontane Affekte, die dieses Sommerleben immerzu mit sich bringt, auch einmal reale Einsichten bringen werden. Z.B. diese, dass nicht alles Gold ist was glänzt. Aus dem nahegelegenen Radio tönt unsäglicher Polterpop und ich ahne, dass es ein Tag wird, den ich schnell wieder vergessen werde.

© Bettie i. Alfred

Der Zufall stirbt aus

Juni 12, 2022

Vertracktheiten. Was für ein wunderbares Wort. Eine einmalige Fotoausstellung mit Bildern aus der Vergangenheit macht einem klar wie lange man schon existiert. Man kennt die Gegend noch grau in grüngrau ohne sauber verschalte Häuser. Es kommt einem so natürlich vor, was man da sieht, so als wäre Gestrüpp gewachsen, ohne es, wie heute üblich „zu sortieren“. Sortierte Natur, dieser Begriff macht mich fix und fertig. Ich übertreibe, aber zumindest wehre ich ihn innerlich gleich ab, wenn ich ihn vor Augen habe. Immerhin lässt man Wiesen wieder wachsen, allerdings nur da, wo man es auch will, im abgezäunten, beschrifteten Bereich. Für einen Zufallsliebhaber, wie mich, eine unangenehme Sache. Man schenkt mir zu einem Jahrestag einen dicken Busch Glockenblumen. Sie wachsen im Sommer aus jeder zweiten Häuserritze. Nun also im Plastiktopf sortiert als Kaufware. Wie nun in einem kleinkariert gedämmten Haus, diese ursprüngliche Wildheit an Blume in die nicht mehr vorhandenen Häuserritzen bekommen? Da bin ich nun wieder in einer Vertracktheit angekommen. Manchmal möchte man wie Bettine Brentano „ein Pistol“ haben und in die Einsamkeit schiessen. Zum Glück gibt es Literatur, sie hilft ungemein.

© Bettie I. Alfred

Der Weg führt zum Ziel ?

Juni 11, 2022

Ich freue mich ungemein, dass mein „Hohlraumhörstück“ nun bald die „Wuttrilogie“ ablösen wird. Ein langer Monolog soll wohl schließlich der Gipfel sein.

Billie für Faultiere

Juni 7, 2022

Der alte Grundig Kassettenrekorder, den Reporter in den 70ern verwendeten, um Interviews aufzunehmen und den ich auf einem Versteigerungsportal ersteigerte, ist wunderschön. Holzverkleidet, chromverleistet, dick verknopft. Und er geht sogar, nachdem das Netzteil vom anderen Gerät etwas umgebaut wurde, da ein solches nämlich fehlte, was ich übersehen hatte. Nach einer Stunde dusslige Gespräche zwischen Besuchern und Besitzern aufnehmen (ein passendes Mikrophon gab es für einen ganzen Euro samt Originalverpackung), will ich Billie Holiday hören, um ruhig zu werden, doch es geht dann gar nichts mehr. Stille. Ich schraube alles auf und sehe den Riemen entzweit zwischen Platine und Räderwerk liegen. Ein neuer Riemen kostet so viel wie das ganze Gerät. Ich bin nicht wütend, aber sehr frustriert und wähle ein Schnipsgummi als Stellvertreter aus und friemele ihn ins Gerät. Dann höre ich erneut Billie Holiday und denke aber es sei Louis Armstrong, denn sie klingt nun wie ein heiserer alter Mann. Der Schnipsgummi ist nicht zu gebrauchen, er ist zu flexibel. Ich muss ihn wieder ausbauen und einfrieren, dann wird er straffer werden. Das Leben kann so zäh sein. Draussen tobt der Frühsommer. Die evangelische Kirche sagt dann, dass, wenn ich keine Steuer an sie abführen will, ich austreten müsste. Ich sei gar nicht drin sag ich, und sie sagt, das müsse ich nachweisen. Ob sie das nicht notiert hätten. Nein, so die Frau von der Kirche, es gäbe keinen Register und man könne mir auch nichts bescheinigen, ich müsse wohl austreten, auch, wenn ich gar nicht drin sei. Ich sage der anderen Frau, der vom Finanzamt nämlich, dass das absurd sei, und sie bestätigt das. Sie ist unglaublich nett und ich bin verwirrt, als ich sie anrufe und keine Hexe am Hörer habe, wie vermutet beim Berufsort Finanzamt. Ich bin wohl einem ganz schönen Vorurteil erlegen gewesen. Sie bedankt sich dann sogar noch bei mir für mein Verständnis. Ich bedanke mich auch, weiss allerdings nicht wofür und auch nicht wofür sie sich bedankt hat, denn Verständnis hatte ich keins, aber die Stimmung ist so wahnsinnig gut plötzlich, dass ich dann denke, dass ich die Bescheinigung dafür, daß ich nie wieder Kirchenversteuerung betreiben muss, schon in der Tasche hätte. Der Haken bei evangelisch ist dann aber weiterhin auf der Steuerpapierage sichtbar. Wie kam er nur dorthin? Ich bin doch Heide wie eh und je. Billie wird immer langsamer, noch singt sie aber für ein Faultier, in Zeitlupe sozusagen. Bald wird sie vollkommen verebben…..

Collage und Lesung:


© Bettie I. Alfred